Warum Fachleute mehr Wissen über Hochsensibilität brauchen
Was fehlt, wenn Fachkräfte nicht lernen, Hochsensibilität zu erkennen? Mehr, als man auf den ersten Blick sieht. Seit 2015 weiß ich, dass ich hochsensibel bin – und seitdem erlebe ich in Coaching, Supervisionen, Fortbildungen für Tagesmütter und Kitas, in Schulen, Elternakademien, Hochschulen und Volkshochschulen immer wieder dasselbe Muster: Hochsensible Kinder, Jugendliche und Erwachsene begegnen uns überall, doch in Ausbildung und Studium kommt das Thema kaum vor.
In Kitas, Schulen, Kliniken, Beratungsstellen und Praxen arbeiten engagierte Menschen, die täglich mit hochsensiblen Persönlichkeiten zu tun haben – ohne je gelernt zu haben, woran man sie erkennt, was sie brauchen und wie man Überforderung vermeidet. Das führt zu Missverständnissen, unnötigen Konflikten und zu Belastungen auf beiden Seiten.
Dass Hochsensibilität in pädagogischen und therapeutischen Kontexten noch immer kaum eine Rolle spielt, ist kein kleines Detail. Es prägt Biografien. Menschen, die sich nie gesehen fühlten, lernen auch nicht leicht, andere zu sehen. Und es kostet: Kraft, Zeit, Nerven – und manchmal die Freude an der Arbeit mit kleinen und großen Menschen.
Dieser Beitrag zeigt, warum sich das dringend ändern muss.
Was passiert, wenn Fachkräfte Hochsensibilität nicht kennen?
1. Fehlinterpretationen Hochsensibilität wird verwechselt mit:
- ADHS
- Autismus
- Trotz
- Schüchternheit
- Vermeidungsverhalten
- mangelnder Belastbarkeit
Das führt zu falschen Zuschreibungen und unnötiger Pathologisierung.
2. Überforderung auf beiden Seiten Fachkräfte verstehen das Verhalten nicht – hochsensible Kinder und Erwachsene fühlen sich falsch, schwierig oder „zu viel“.
3. Verletzungen, die sich ein Leben lang fortsetzen Ein scharfer Satz, ein übersehenes Bedürfnis, ein zu lauter Raum, ein ungeduldiger Blick – all das prägt bei Hochsensiblen tiefer.
4. Stille Kinder werden übersehen Sie melden sich nicht. Sie stören nicht. Sie funktionieren. Und genau deshalb erkennt niemand, wie viel sie innerlich leisten.
5. Lernfreude geht verloren Ohne passende Bedingungen entstehen Stress, Rückzug, Leistungsabfall und Selbstzweifel.
6. Erwachsene landen später in Therapie – wegen früher Missverständnisse Nicht, weil sie „krank“ sind, sondern weil sie nie verstanden wurden.
Hochsensibilität im Dialog
Ein Fachartikel über Hochsensibilität im Dialog: Perspektiven von Hochsensiblen, Expert*innen, Angehörigen und Psychiatrieerfahrenen. Mit Geschichte, Merkmalen, Herausforderungen, Stärken und Impulsen für ein besseres Verständnis, sichere Räume und unterstützende Begleitung
Was sind die Folgen, wenn Fachkräfte HSP nicht kennen und ernst nehmen?
1. Biografische Brüche Unwissen über Hochsensibilität prägt Lebenswege – oft über Jahrzehnte.
2. Scham und Selbstabwertung Viele Betroffene entwickeln früh das Gefühl: „Mit mir stimmt etwas nicht.“
3. Beziehungsschäden Wenn Fachkräfte nicht verstehen, warum jemand weint, dichtmacht oder überfordert wirkt, entstehen Abwertung, Druck und Distanz statt Verbindung.
4. Erschöpfung und Burnout – bei Betroffenen und Fachkräften Hochsensible brauchen andere Rahmenbedingungen. Fachkräfte brauchen Wissen, um nicht selbst auszubrennen.
5. Verpasste Potenziale Hochsensible bringen enorme Ressourcen mit – Wahrnehmungsschärfe, Empathie, Beziehungsfähigkeit. Ohne Wissen darüber bleiben diese Stärken unsichtbar.
Warum dieses Wissen in Ausbildung & Studium fehlt – und warum das ein Problem ist
In Erzieherinnen‑Ausbildung, Pädagogik, Sozialarbeit, Therapie und Medizin kommt Hochsensibilität kaum vor. Dabei begegnen Fachkräfte hochsensiblen Menschen jeden Tag:
- in Kitas
- in Schulen
- in Jugendhilfe
- in Beratung
- in Therapie
- in Medizin
- in Familienarbeit
Ohne Grundlagenwissen entstehen Missverständnisse, Überforderung und unnötige Konflikte.
Fortbildungsanbieter Hochsensibilität – Deutschland
Bei meiner Recherche fand ich bis jetzt diese Anbieter.
- IFHS – Institut für Hochsensibilität (Online & Präsenz) Fortbildungen, Zertifikatskurse, Fachwissen für Pädagogik, Beratung, Therapie. https://www.institut-hochsensibilitaet.de
- Aurum Cordis – Kompetenzzentrum für Hochsensibilität (Norddeutschland & Online) Seminare, Fachfortbildungen, neurobiologische Grundlagen, Praxiswissen. https://www.aurum-cordis.de
- Zart im Herz – Akademie für Hochsensibilität (Online) Weiterbildungen für Coaches, Pädagoginnen, Therapeutinnen; HSP‑Coach‑Ausbildung. https://www.zartimherz.de
- Deutscher Fachverband Hochsensibilität (DFH) Fachtage, Workshops, Fortbildungen für psychosoziale Berufe. https://www.dfh-verband.de
- HSP‑Akademie (Online) Praxisorientierte Weiterbildungen für Beratung, Coaching, psychosoziale Arbeit. https://www.hsp-akademie.de
- Paracelsus Schulen (Deutschlandweit) Seminare zu Hochsensibilität im therapeutischen Kontext. https://www.paracelsus.de
- Volkshochschulen (z. B. Berlin, Hamburg, München) Zunehmend Kurse zu Hochsensibilität für pädagogische Fachkräfte. https://www.vhs.de (bundesweite Suche)
- Hochsensibilitätsnetzwerk (verschiedene Anbieter) Workshops, Fachseminare, regionale Angebote. https://www.hochsensibilitaet-netzwerk.com
Beispiele aus meiner Praxis
- bei Fortbildungen erkennen Tagemütter dass sie auch hochsensibel sind
- eine Schülerin erzählt, dass ihre Lehrerin sie auf eine mögliche Hochsensibilität angesprochen hat
- die Supervision regt an, in der Familenberatung Tests auf Hochsensibilität mit zur Anamnese einzufügen
- „Ihnen ist es gelungen, eine Atmosphäre zu schaffen, in der ich mich sicher gefühlt habe.“
- „Vielen Dank für diesen Abend in der Belle Etage von Prenzlkomm zum Thema Hochsensibilität. Mich hat einiges in Ihrem Vortrag bewegt und mich zum Nachdenken angeregt.“
- Einige meiner Coachingkundinnen erzählen, dass sie sich von Therapeuten unverstanden fühlten. Die Erkenntnis, dass sie hochsensibel sind hat bei vielen etwas verändert.
Wünsche hochsensibler Menschen an Fachkräfte
An Ärztinnen und Ärzte
- Wir wünschen uns, dass Sie uns aufmerksam zuhören und uns Zeit geben, unsere Wahrnehmungen zu schildern.
- Wir wünschen uns eine ruhige, klare Kommunikation und transparente Informationen zu jedem Untersuchungsschritt.
- Wir wünschen uns, dass Sie unsere Empfindsamkeit ernst nehmen, auch wenn sie nicht messbar ist.
- Wir wünschen uns einen ganzheitlichen Blick, der körperliche und seelische Faktoren verbindet.
An Erzieherinnen und Erzieher
- Wir wünschen uns, dass Sie unsere Signale feinfühlig wahrnehmen, bevor Sie unser Verhalten bewerten.
- Wir wünschen uns Rückzugsorte, wenn uns die Reize zu viel werden.
- Wir wünschen uns langsame, gut begleitete Übergänge im Tagesablauf.
- Wir wünschen uns, dass unsere starken Gefühle respektiert und nicht abgetan werden.
An Pädagoginnen, Pädagogen und Lehrer*innen
- Wir wünschen uns eine strukturierte, möglichst reizärmere Lernumgebung.
- Wir wünschen uns Zeit, um Informationen tief zu verarbeiten.
- Wir wünschen uns, dass Sie unsere leisen Stärken sehen: Empathie, Kreativität, Genauigkeit.
- Wir wünschen uns klare, ruhige Anweisungen und wertschätzende Rückmeldungen.
An Therapeutinnen und Therapeuten
- Wir wünschen uns ein behutsames Tempo, das unserer emotionalen Tiefe gerecht wird.
- Wir wünschen uns, dass unsere Wahrnehmungen validiert werden, ohne sie zu pathologisieren.
- Wir wünschen uns Transparenz über den therapeutischen Prozess.
- Wir wünschen uns einen sicheren, reizarmen Raum, in dem wir uns öffnen können.
Übergreifende Wünsche an alle Fachkräfte
- Wir wünschen uns Empathie statt Etiketten.
- Wir wünschen uns Respekt für unsere Grenzen und unser Tempo.
- Wir wünschen uns einen sensiblen Umgang mit Kritik, da wir sie intensiv verarbeiten.
- Wir wünschen uns, dass unsere Sensibilität als Ressource gesehen wird – nicht als Schwäche.
Fazit
Hochsensibilität zu übersehen ist kein Randthema, sondern ein blinder Fleck in vielen pädagogischen, medizinischen und therapeutischen Arbeitsfeldern. Wenn Fachkräfte nicht lernen, hochsensible Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu erkennen, entstehen Fehlinterpretationen, unnötige Konflikte und Verletzungen, die sich oft über Jahre fortsetzen. Stille Kinder bleiben unsichtbar, Lernfreude geht verloren, Erwachsene landen später in Therapie – nicht, weil sie krank sind, sondern weil sie nie verstanden wurden. Gleichzeitig bleiben wertvolle Potenziale wie Empathie, Wahrnehmungsschärfe und Beziehungsfähigkeit ungenutzt.
Der Beitrag zeigt, dass fehlendes Wissen über Hochsensibilität nicht nur einzelne Situationen erschwert, sondern ganze Biografien prägt. Fachkräfte brauchen deshalb fundiertes Wissen, um Überforderung zu vermeiden, Beziehungen sicher zu gestalten und die Stärken hochsensibler Menschen sichtbar zu machen. Erst wenn Hochsensibilität in Ausbildung, Studium und Praxis selbstverständlich mitgedacht wird, können alle Beteiligten – Fachkräfte wie Betroffene – ihre Arbeit und ihr Leben mit mehr Klarheit, Leichtigkeit und gegenseitigem Verständnis gestalten.


0 Comments