Hochsensibilität in Kita, Schule, Praxis und Beratung
Warum Fachkräfte mehr Wissen brauchen
Von Antje Remke, Coach für Hochsensibilität · veröffentlicht am 20. April 2026 · aktualisiert am 18. Oktober 2026 · Lesezeit ca. 13 Minuten
Kurzfassung:
Hochsensible Kinder, Jugendliche und Erwachsene begegnen Fachkräften in Kitas, Schulen, Jugendhilfe, Beratung, Therapie und Medizin täglich. Nach Erfahrung von Antje Remke, Coach für Hochsensibilität, kommt das Thema in Ausbildung und Studium kaum vor. Das führt zu Fehlinterpretationen, Überforderung auf beiden Seiten und ungenutzten Stärken. Der Beitrag zeigt die Folgen, sammelt Wünsche hochsensibler Menschen an Ärzt:innen, Erzieher:innen, Lehrkräfte und Therapeut:innen und verweist auf Fragebögen und Fortbildungen.
Worum es geht
Was fehlt, wenn Fachkräfte nicht lernen, Hochsensibilität zu erkennen? Mehr, als man auf den ersten Blick sieht. Seit 2015 weiß ich, dass ich hochsensibel bin, und seitdem erlebe ich in Coaching, Supervisionen, Fortbildungen für Tagesmütter und Kitas, in Schulen, Elternakademien, Hochschulen und Volkshochschulen immer wieder dasselbe Muster: Hochsensible Kinder, Jugendliche und Erwachsene begegnen uns überall, doch in Ausbildung und Studium kommt das Thema nach meiner Erfahrung kaum vor.
In Kitas, Schulen, Kliniken, Beratungsstellen und Praxen arbeiten engagierte Menschen, die täglich mit hochsensiblen Persönlichkeiten zu tun haben, ohne je gelernt zu haben, woran man sie erkennt, was sie brauchen und wie man Überforderung vermeidet. Das führt zu Missverständnissen, unnötigen Konflikten und zu Belastungen auf beiden Seiten.
Dass Hochsensibilität in pädagogischen und therapeutischen Kontexten kaum eine Rolle spielt, ist kein kleines Detail. Es prägt Biografien. Menschen, die sich nie gesehen fühlten, lernen auch nicht leicht, andere zu sehen. Und es kostet: Kraft, Zeit, Nerven und manchmal die Freude an der Arbeit mit kleinen und großen Menschen. Dieser Beitrag zeigt, warum sich das ändern sollte.
Was passiert, wenn Fachkräfte Hochsensibilität nicht kennen?
- Fehlinterpretationen. Hochsensibilität wird leicht verwechselt mit ADHS, Autismus, Trotz, Schüchternheit, Vermeidungsverhalten oder mangelnder Belastbarkeit. Sie kann sich mit ADHS oder Autismus überschneiden oder zusammen mit ihnen auftreten. Die Abklärung gehört in die Hände von Fachleuten. Falsche Zuschreibungen führen zu unnötiger Pathologisierung.
- Überforderung auf beiden Seiten. Fachkräfte verstehen das Verhalten nicht, hochsensible Kinder und Erwachsene fühlen sich falsch, schwierig oder „zu viel“.
- Verletzungen, die sich oft ein Leben lang fortsetzen. Ein scharfer Satz, ein übersehenes Bedürfnis, ein zu lauter Raum, ein ungeduldiger Blick: All das prägt Hochsensible oft tiefer.
- Stille Kinder werden übersehen. Sie melden sich nicht, sie stören nicht, sie funktionieren. Deshalb erkennt niemand, wie viel sie innerlich leisten.
- Lernfreude geht verloren. Ohne passende Bedingungen entstehen Stress, Rückzug, Leistungsabfall und Selbstzweifel.
- Manche Erwachsene suchen später Therapie auf. Nicht unbedingt, weil sie „krank“ sind, sondern oft, weil sie früh nicht verstanden wurden.
Was sind die Folgen, wenn Fachkräfte Hochsensibilität nicht kennen und ernst nehmen?
- Biografische Brüche: Unwissen prägt Lebenswege oft über Jahrzehnte.
- Scham und Selbstabwertung: Viele Betroffene entwickeln früh das Gefühl: „Mit mir stimmt etwas nicht.“
- Beziehungsschäden: Wenn Fachkräfte nicht verstehen, warum jemand weint, dichtmacht oder überfordert wirkt, entstehen Abwertung, Druck und Distanz statt Verbindung.
- Erschöpfung und Burnout: bei Betroffenen und bei Fachkräften. Hochsensible brauchen andere Rahmenbedingungen, Fachkräfte brauchen Wissen, um nicht selbst auszubrennen.
- Verpasste Potenziale: Hochsensible bringen Wahrnehmungsschärfe, Empathie und Beziehungsfähigkeit mit. Ohne Wissen darüber bleiben diese Stärken unsichtbar.
Mehr dazu im Beitrag Hochsensibilität im Dialog: ein Fachartikel mit Perspektiven von Hochsensiblen, Expert:innen, Angehörigen und Psychiatrieerfahrenen.
Warum dieses Wissen in Ausbildung und Studium oft fehlt
In der Erzieher:innen-Ausbildung, Pädagogik, Sozialarbeit, Therapie und Medizin kommt Hochsensibilität nach meiner Erfahrung kaum vor. Dabei begegnen Fachkräfte hochsensiblen Menschen jeden Tag: in Kitas, Schulen, Jugendhilfe, Beratung, Therapie, Medizin und Familienarbeit. Ohne Grundlagenwissen entstehen Missverständnisse, Überforderung und unnötige Konflikte.
Der Blog „Was ist Hochsensibilität?“ zeigt einen Vortrag im PrenzlKomm in Berlin.
Wünsche hochsensibler Menschen an Fachkräfte
Diese Wünsche habe ich aus meiner Arbeit und aus Gesprächen zusammengetragen. Sie sind Erfahrungswerte und keine Studienergebnisse
An Ärzt:innen
- Wir wünschen uns, dass Sie uns aufmerksam zuhören und uns Zeit geben, unsere Wahrnehmungen zu schildern.
- Wir wünschen uns eine ruhige, klare Kommunikation und transparente Informationen zu jedem Untersuchungsschritt.
- Wir wünschen uns, dass Sie unsere Empfindsamkeit ernst nehmen, auch wenn sie nicht messbar ist.
- Wir wünschen uns einen ganzheitlichen Blick, der körperliche und seelische Faktoren verbindet.
An Erzieher:innen
- Wir wünschen uns, dass Sie unsere Signale feinfühlig wahrnehmen, bevor Sie unser Verhalten bewerten.
- Wir wünschen uns Rückzugsorte, wenn uns die Reize zu viel werden.
- Wir wünschen uns langsame, gut begleitete Übergänge im Tagesablauf.
- Wir wünschen uns, dass unsere starken Gefühle respektiert und nicht abgetan werden.
An Pädagog:innen und Lehrkräfte
- Wir wünschen uns eine strukturierte, möglichst reizärmere Lernumgebung.
- Wir wünschen uns Zeit, um Informationen tief zu verarbeiten.
- Wir wünschen uns, dass Sie unsere leisen Stärken sehen: Empathie, Kreativität, Genauigkeit.
- Wir wünschen uns klare, ruhige Anweisungen und wertschätzende Rückmeldungen.
An Therapeut:innen
- Wir wünschen uns ein behutsames Tempo, das unserer emotionalen Tiefe gerecht wird.
- Wir wünschen uns, dass unsere Wahrnehmungen validiert werden, ohne sie zu pathologisieren.
- Wir wünschen uns Transparenz über den therapeutischen Prozess.
- Wir wünschen uns einen sicheren, reizarmen Raum, in dem wir uns öffnen können.
Übergreifend an alle Fachkräfte
- Wir wünschen uns Empathie statt Etiketten.
- Wir wünschen uns Respekt für unsere Grenzen und unser Tempo.
- Wir wünschen uns einen sensiblen Umgang mit Kritik, da wir sie intensiv verarbeiten.
- Wir wünschen uns, dass unsere Sensibilität als Ressource gesehen wird, nicht als Schwäche.
Beispiele aus meiner Praxis
- Bei Fortbildungen erkennen Tagesmütter, dass sie auch hochsensibel sind.
- Eine Schülerin erzählt, dass ihre Lehrerin sie auf eine mögliche Hochsensibilität angesprochen hat.
- Eine Supervision regt an, in der Familienberatung Tests auf Hochsensibilität in die Anamnese aufzunehmen.
- Einige meiner Coachingkundinnen erzählen, dass sie sich von Therapeut:innen unverstanden fühlten. Die Erkenntnis, hochsensibel zu sein, hat bei vielen etwas verändert.
Rückmeldungen nach Vorträgen
„Ihnen ist es gelungen, eine Atmosphäre zu schaffen, in der ich mich sicher gefühlt habe.“ Teilnehmer:in einer Fortbildung
„Vielen Dank für diesen Abend in der Belle Etage von Prenzlkomm zum Thema Hochsensibilität. Mich hat einiges in Ihrem Vortrag bewegt und mich zum Nachdenken angeregt.“ Teilnehmer:in, Vortrag bei PrenzlKomm
Tipps und Materialien
- Test „Bin ich hochsensibel?“ im Hochsensibilitätsnetzwerk (Selbsttests geben Orientierung, ersetzen aber keine fachliche Einschätzung)
- Fragebogen „Ist (m)ein Kind hochsensibel?“ (PDF)
- Hochsensibilität: Kurzinformation für Vertreter:innen von Heilberufen (PDF)
- Hochsensibles Schwarmwissen: Bücher, Podcasts, Websites und Treffen
- „Hochsensibel: Viele fühlen sich wie ein Alien“: Zeitungsartikel (MAZ Havelland, 2023)
Fortbildungen zu Hochsensibilität für Fachkräfte
(Stand Oktober 2026)
Bei meiner Recherche habe ich diese Angebote gefunden. Bitte prüfe Termine und Inhalte beim Anbieter selbst.
Deutschland, Österreich, Schweiz (geprüft):
- Institut für Hochsensibilität IFHS (Schweiz): Lehrgang für Fachpersonen, ca. 3 Monate, drei Module, Zoom, Zertifikat. ifhs.ch
- Pro Mente Salzburg (Österreich): Fortbildung „Hochsensitivität (HSP) – Basiswissen“, Modul 1 am 14.10.2026, Vertiefung am 13.11.2026.
- WIFI Oberösterreich: Diplom-Fachausbildung zum Trainer für Hochsensibilität.
- Akademie WeitBlick (Österreich): Lehrgang Berater:in für Hochsensibilität.
- Aurum Cordis (Norddeutschland): Zentrum für Hochsensibilität
- Zart im Herz, Deutscher Fachverband Hochsensibilität (DFH), HSP-Akademie
- Paracelsus Schulen, Volkshochschulen, Hochsensibilitätsnetzwerk
Fazit
Hochsensibilität zu übersehen ist kein Randthema, sondern ein blinder Fleck in vielen pädagogischen, medizinischen und therapeutischen Arbeitsfeldern. Wenn Fachkräfte nicht lernen, hochsensible Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu erkennen, entstehen Fehlinterpretationen, unnötige Konflikte und Verletzungen, die sich oft über Jahre fortsetzen. Stille Kinder bleiben unsichtbar, Lernfreude geht verloren, und Stärken wie Empathie, Wahrnehmungsschärfe und Beziehungsfähigkeit bleiben ungenutzt.
Fachkräfte brauchen deshalb fundiertes Wissen, um Überforderung zu vermeiden, Beziehungen sicher zu gestalten und die Stärken hochsensibler Menschen sichtbar zu machen. Wenn Hochsensibilität in Ausbildung, Studium und Praxis selbstverständlich mitgedacht wird, können alle Beteiligten ihre Arbeit und ihr Leben mit mehr Klarheit, Leichtigkeit und gegenseitigem Verständnis gestalten.
Häufige Fragen
Warum brauchen Fachkräfte Wissen über Hochsensibilität?
Weil sie täglich hochsensiblen Menschen begegnen, ohne es zu wissen. Ohne Wissen entstehen Fehlinterpretationen, Überforderung und Verletzungen.
Womit wird Hochsensibilität verwechselt?
Mit ADHS, Autismus, Trotz, Schüchternheit oder Vermeidungsverhalten. Sie kann sich damit überschneiden oder zusammen auftreten. Die Abklärung gehört in die Hände von Fachleuten.
Was wünschen sich Hochsensible von Fachkräften?
Zuhören, Zeit, klare und ruhige Kommunikation, reizärmere Räume, Respekt vor Grenzen und Tempo und dass Sensibilität als Ressource gesehen wird.
Wo gibt es Fortbildungen für Fachkräfte?
Zum Beispiel beim Institut für Hochsensibilität IFHS (Schweiz), bei Pro Mente Salzburg und am WIFI Oberösterreich. Weitere Angebote stehen oben.
Wie erkenne ich, ob ein Kind hochsensibel ist?
Ein Fragebogen hilft bei der ersten Orientierung: Ist (m)ein Kind hochsensibel? Er ersetzt keine fachliche Einschätzung.
Hochsensibilität im Dialog
Ein Fachartikel über Hochsensibilität im Dialog: Perspektiven von Hochsensiblen, Expert*innen, Angehörigen und Psychiatrieerfahrenen. Mit Geschichte, Merkmalen, Herausforderungen, Stärken und Impulsen für ein besseres Verständnis, sichere Räume und unterstützende Begleitung
Newsletter-Hinweis
Seit 2021 teile ich in meinen Blogbeiträgen unregelmäßig Gedanken, Erfahrungen, Gefühle und Beobachtungen von meinem Weg als hochsensibler Coach, Mensch und Autorin. Vielleicht inspiriert oder ermutigt dich etwas davon auf deinem eigenen Weg. Über den Newsletter informiere ich dich über neue Beiträge und Termine. Der erste Beitrag war Kompetenzdemenz (2021). Wir senden keinen Spam und teilen niemals deine E-Mail-Adresse. Mehr in der Datenschutzerklärung.


0 Comments