Mein Dank gilt meinen Toten
Ganz in meiner Nähe ist der Friedhof 3 in Berlin Pankow. Er ist mir sehr vertraut. Am Freitag kam mir dort die Idee, diesen Text hier zu teilen. Gestern war der 8. Todestag meiner Mutter. Heute ist Totensonntag. Im September war dort „Tag des Friedhofs“. In der Vorbereitung gab es die Einladung Texte zu schreiben. So ist der Text entstanden. Er wurde nicht ausgewählt für die Lesung. War nicht schlimm. Mich berührte die Erinnerung an „meine“ Toten. Sie fehlen, aber ich bin ihnen auch für so viel dankbar. 23.11.2025
Mein Dank gilt den Toten
Ihr seid schon ganz schön viele. Schön ist das nicht wirklich. Aber es ist Realität. Eure Namen bleiben ungesagt, anders der vielseitige Einfluss, den ihr auf mein Leben hattet. Für so Vieles sage ich DANKE.
Du hast mich vom Ertrinken gerettet.
Du hast mir das Schwimmen beigebracht. Leider verpasste ich die Beerdigung.
Bei Ihnen sah ich als Kind das erste Mal Farbfernsehen. Sie haben sich das Leben genommen.
Du warst eine junge Frau, bist Männern frech und selbstbewusst begegnet, und schwanger bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückt.
Du hast mit mir Kindergeburtstag gefeiert. Du hattest Mukoviszidose. Deine Stimme habe ich immer noch im Ohr.
Du hast mir aus dem Westen „Emil und die Detektive“ geschenkt. Ich liebte es. Mein Sohn heißt Emil.
Du warst für mich ein etwas verrückte Kind gebliebene alte Frau, die gerne Canasta spielte und in Berlin Pankow lebte.
Du hast konsequent Frühsport gemacht. Ich mache es nicht.
Du hast meine Motivation geweckt, als Kind Englisch zu lernen und mir gezeigt, dass die Welt größer ist.
Durch Sie bekam ich als Kind Zugang zu Rüstzeitreisen. Ich erlebte kreative Workshops mit Singen, Basteln, dichtem noch viel mehr. Meine Neugierde auf Neues konnte ich so stillen.
Sie freuten sich diebisch, als sie eine Patientin mit Akupunkturnadeln wie von Zauberhand heilten.
Sie sagten zu mir. „Schwester Antje: Sie sind hier noch Mensch“. Ich war Krankenschwester in einer Rettungsstelle. Aus Liebeskummer nahm sie sich die Ärztin sich das Leben.
Sie waren ein höflicher stiller Arzt. Ich schätzte Sie sehr. Auch er starb durch einen Suizid.
Du warst ein lustiger wortgewandter Schulfreund meines Vaters. Es war ein Vergnügen mit dir dusseliges Zeug zu reden. Sein Ende war dramatisch.
Du hast beim Schwimmen über die Havel auf mich aufgepasst, hast gekämpft mit mir, bist mit mir Tanzen gegangen, hast mich deinen Trabi fahren lassen, als mein Führerschein noch frisch war. Ende Suizid.
Sie schenkten mir einen nur kurzen, aber intensiven Blickkontakt und waren ein bekannter Schauspieler.
Wegen dir nahm ich Sprechtraining, weil ich dich mit meiner Stimme nicht erreichte.
Du warst immer für mich. Du hast mich bekocht, für mich genäht und hast mir Geborgenheit geschenkt. Du fehlst mir besonders.
Du hast oft an mich gedacht und mich immer wieder Kleinigkeiten geschenkt. Sie erinnern mich an dich. Mir war es ein Bedürfnis, die Trauerrede zu halten.
Sie waren immer für einen Scherz zu haben. Wir teilten die Freude am Dichten. Wir waren einander Publikum und vor ihrer letzten Vorstellung auf dem Friedhof lernte ich Sie von ihrer Familie viele Seiten noch kennen, die mich berührten und freuten.
Du gabst mir die Chance, mich beruflich auszuprobieren.
Du hast mir vermittelt, dass ich richtig bin. Davon zehre ich heute noch.
Nach einem traumatischen Erlebnis waren Sie für mich da und halfen so, zu heilen.
Du schenkest mir viel Aufmerksamkeit für mein Leben und Dinge, die mich oft an dich erinnern
Dir verdanke ich die Inspiration für ein Gedicht.
Durch dich lernte ich mich abzugrenzen.
Deine warme Art und Interesse ließen mein Herz höherschlagen. Ich liebte deine Kreativität.
Stopp. Vom langen Erinnerungsbad, gemeinsam mit so vielen Menschen ist meine Haut ist schon ganz schrumpelig. Dunkelbunt bleibt die Erinnerung an all die Dinge, Momente, Gefühle und Erinnerungen mit eurem Leben und Tod. Ich fühle mich reich beschenkt. Ihr habt mich inspiriert, getröstet. motiviert, bereichert, gestärkt, bestätigt, gesehen und ermutigt. DANKE. Ich mache noch mit dem Leben weiter hier. Ich wende mich wieder dem JETZT und der ZUKUNFT zu. Ob ich auch ein Geschenk für andere bin? Wer weiß.
Bei meinem Ende lasst es krachen
Sollt ihr weinen und auch lachen
Was gab es für verrückte Geschichten
die kann der Tod doch nicht vernichten
Kann ja sein, es ist beschissen
Vielleicht gibt’s Schmerzen des Vermissen
Dann lasst Sekt und Tränen fließen
Remember me – bitte genießen
Bitte macht lebendig weiter
neben Trauer auch viel heiter.

