Von guten Mächten wunderbar geborgen
Das ist der Titel eines Liedes von Dietrich Bonhoeffer, dass mich seit meiner Jugend begleitet, tröstet und berührt. Wir sangen es Silvester in Rathenow auf dem Kirchturm. Von dort konnte ich auf den Balkon meiner Oma blicken, die mir sehr viel Geborgenheit schenkte. Es ist mein wichtigstes Trostlied. Einem hochsensiblem Kunden erzählte ich davon. Er hörte es immer wieder, dabei flossen viele Tränen. Fühlte es und sich seinem geliebtem Opa sehr verbunden.
Zutiefst berührte mich Bonhoeffer und die Umstände, unter denen er das Gedicht schrieb. Stück für Stück entdeckte ich Puzzleteile seines Lebens und bekomme mit, wie viel andere auch sein Wirken erreicht.
Von Guten Mächten
1. Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.
Refrain:
Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
2. Noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das du uns geschaffen hast.
3. Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.
4. Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört dir unser Leben ganz.
5. Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.
6. Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.
Meine Mutter hatte eine Postkarte mit dem Refrain auf ihrem Nachtisch. Sie bekam diese von ihrer Lehrerin geschenkt, die mich viele Jahre später auch in Biologie unterrichtete. Bei der Beerdigung meiner Mutter 2017 sangen wir es. Auch bei der Beerdigung einer Chorsängerin mit großem Herzen sangen wir es. Einer lernte alle Strophen beim Warten auf eine Op. Wir haben es inzwischen öfter zusammengesungen. Es musiziert auch in einem Altersheim. Dort gehört es immer zur Playlist.
Entstehung des Gedichts
Dietrich Bonhoeffer war seit 1943 inhaftiert und lebte über zwei Jahre in ständiger Lebensgefahr, immer damit rechnend, hingerichtet zu werden. Am 19. Dezember 1944 schrieb er aus dem Kellergefängnis des Reichssicherheitshauptamts einen Brief an seine Verlobte Maria von Wedemeyer und fügte „ein paar Verse“ als Weihnachtsgruß hinzu – das Gedicht Von guten Mächten. In dieser extremen Einsamkeit beschreibt er, wie „die Seele Organe ausbildet“, die man im Alltag kaum kennt, ein Hinweis auf seine spirituelle Wahrnehmung unter existenzieller Bedrohung. Gleichzeitig litt seine Familie schwer: Mehrere Angehörige waren inhaftiert oder im Krieg gefallen, und das Gedicht trägt die Spuren dieser Dunkelheit, indem es Trost, Vertrauen und Hoffnung formuliert. Erst 1951 veröffentlichte Eberhard Bethge den Text in Widerstand und Ergebung, wodurch er weltweit bekannt wurde.
Vertonung
Paul Winter — erste Vertonung, entstanden zum Jahreswechsel 1946/47 in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Er gilt heute als der früheste bekannte Komponist des Liedes.
Otto Abel — komponierte 1959 die Melodie, die im evangelischen Gesangbuch unter EG 65 steht. Lange galt seine Version als die „klassische“ Kirchenliedfassung.
Siegfried Fietz — schuf 1970 die bis heute populärste Melodie, weltweit gesungen und millionenfach gestreamt. Diese Version machte das Lied international bekannt.
Wo Bonhoeffer aufwuchs
Geboren: 4. Februar 1906 in Breslau (heute Wrocław, Polen). Als ich wusste, dass mein Sohn nach Breslau fährt, bat ich ihn, mir ein Foto dort zu schicken. Ich bekam es.
Aufgewachsen: Ab 1912 in Berlin‑Grunewald, in einem großbürgerlichen, kulturell und geistig sehr aktiven Elternhaus. Dort entwickelte sich die berühmte Bonhoeffer‑Familienatmosphäre, die später auch Sabine Leibholz‑Bonhoeffer in „Weihnachten im Hause Bonhoeffer“ beschreibt.
Das Buch schildert die Weihnachtsfeste der Familie Bonhoeffer aus der Perspektive von Sabine Leibholz‑Bonhoeffer, der Schwägerin Dietrich Bonhoeffers. In warmen, persönlichen Erinnerungen beschreibt sie die familiäre Atmosphäre, die christliche Prägung, das musikalische Zusammensein und die besondere geistige Tiefe, die diese Feste auszeichneten. Es zeigt, wie stark Zusammenhalt, Glaube und Kultur das Familienleben prägten – und wie diese Werte Dietrich Bonhoeffers Denken und späteres Wirken beeinflussten. Das Buch borgte mir 2025 ein hochsensibler Mann. Gebrauchte Ausgaben gibt es im Netz zu finden.
Konfirmation Dietrich Bonhoeffer wurde 1921 in der Berliner Kaiser‑Wilhelm‑Gedächtniskirche konfirmiert. Sein Konfirmator war Pfarrer Ernst Troeltsch, einer der bedeutendsten Theologen und Religionsphilosophen seiner Zeit. Ende Juli 2026 war ich das erste Mal mit diesem Wissen in der Gedächtniskirche. Nahm sie verschiedenen vorherigen Besuchen anders war. Das intensive kornblumenblau, dass einen hohen Boviswert hat. Ich sang u.a. mit in einem Gospelchor.
Bonhoeffers Wirken
- Universität Berlin – Unter den Linden Hier war Bonhoeffer ab 1930 Privatdozent für Theologie. Er prägte eine existenzielle, mutige Form des Denkens.
- Zionskirche – Zionskirchplatz, Prenzlauer Berg Einer seiner wichtigsten frühen Wirkungsorte. Predigten, Jugendgruppen, geistliche Impulse, Beginn seines kirchlichen Widerstands. Die Zionskirche steht für Bonhoeffers Verbindung von Alltag, Spiritualität und Mut. Um die Ecke ist mein Zahnarzt. in der Nähe sang ich ein einem Chor. Von dem Denkmal und den Erinnerungstafeln erfuhr ich erst vin den letzten Jahren. Am 9. April 2025 wurde an der Zionskirche still an Bonhoeffer erinnert. Es gab eine kurze Andacht, Kerzen und einige Worte zu seinem Wirken im Kiez. Ich war dabei.
- Dietrich Bonhoeffer wohnte von Januar bis März 1932 in der Oderberger Straße 61 in Berlin-Prenzlauer Berg. Er zog dorthin, um näher bei seiner Konfirmandengruppe der Zionsgemeinde zu sein, die aus ärmeren Verhältnissen im Berliner Norden stammte – statt in der wohlhabenden Villenkolonie Grunewald zu bleiben. Hier erinnert eine Gedenktafel an seine Gemeindearbeit und Predigten im Kiez. Sooft fuhr ich da vorher vorbei, ohne das Wissen, um diesen Puzzlestein.
- Sankt-Matthäus-Kirche – Kulturforum, Tiergarten Bonhoeffer war hier Hilfsprediger. Ein Ort, an dem seine Predigten besonders eindringlich wurden. Das wusste ich bis jetzt noch nicht. 2024 machte ich beim Weihnachtsprojekt „Colorful Christmas“ mit Jocelyn B. Smith Wir probten in dieser Kirche. Auftritt fand in der Philharmonie statt.
- Gemeinde im Wedding – Nordsammelpunkt der Berliner Stadtmission Hier arbeitete er mit Jugendlichen aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Er wollte Kirche nah am Leben.
- Predigerseminar Finkenwalde – heute Szczecin, damals kirchlich Berlin zugeordnet
- Von Berlin aus organisiert und geleitet. Hier entwickelte er: tägliche Gebetszeiten, Meditation, geistliche Disziplin, gemeinsames Leben. Das wurde später weltweit bekannt.
- Amt Ausland/Abwehr – Tirpitzufer 66, Berlin-Tiergarten Hier arbeitete Bonhoeffer im Widerstand gegen Hitler. Er nutzte seine internationalen kirchlichen Kontakte, um Informationen weiterzugeben und den Umsturz vorzubereiten.
- Tegel Gefängnis – Seidelstraße, Berlin-Tegel Hier schrieb Bonhoeffer. Widerstand und Ergebung, Briefe an seine Familie, theologische Notizen Diese Texte gehören zu den wichtigsten geistlichen Schriften des 20. Jahrhunderts.
- Gestapo-Haus Prinz-Albrecht-Straße – heute Topographie des Terrors, Hier wurde Bonhoeffer verhört und festgehalten, bevor er nach Flossenbürg deportiert wurde.
- Ghandi und Bonhoeffer verbindet ein gemeinsamer Kern: Beide sahen Glauben als praktische Verantwortung und stellten sich mutig gegen Unrecht. Bonhoeffer bewunderte Gandhis gelebte Gewaltfreiheit und dessen Verbindung von Spiritualität und politischem Handeln. Gandhi war für ihn ein Beispiel dafür, wie Glaube die Welt verändern kann. Doch angesichts des NS‑Regimes kam Bonhoeffer zu einem anderen Schluss: Manchmal müsse man dem Unrecht aktiv entgegentreten, nicht nur passiv widerstehen. In Kürze: Gandhi inspirierte Bonhoeffer – aber Bonhoeffer musste unter Hitler einen anderen Weg wählen. Das erzählte mir eine Frau nach einem Friedensgebet in Berlin Pankow.
Die Umstände seines Todes
- Bonhoeffer war seit 1943 inhaftiert, zuletzt im Gestapo‑Hauptquartier Berlin, dann im KZ Buchenwald, schließlich im KZ Flossenbürg.
- Am 8. April 1945 wurde er dort vor ein improvisiertes SS‑Standgericht gestellt.
- Der „Prozess“ dauerte nur wenige Minuten, ohne Verteidigung, ohne Beweise.
- Am Morgen des 9. April 1945 wurde er im Hof des Lagers gehängt.
- Die Hinrichtung erfolgte auf ausdrücklichen Befehl Hitlers, wenige Wochen vor Kriegsende.
- Zeugen berichten, Bonhoeffer sei ruhig, gesammelt und betend geblieben.
Sein Tod gilt heute als ein Akt politischer und religiöser Verfolgung.
Von einer Hochsensiblen erfuhr ich, dass ein entfernter Verwandter von ihr sich in den letzten Tagen die Todeszelle teilte und sie gemeinsam Schach spielten.
Gärten der Welt
Im Christlichen Garten der Gärten der Welt steht der goldene Lesegarten mit seinen durchbrochenen Textwänden. Zwischen den vielen christlichen Worten und Bibelzitaten ist dort auch Bonhoeffers „Von guten Mächten“ zu lesen. So verbindet der Garten äußere Stille mit der Hoffnung und Geborgenheit, die Bonhoeffers Gedicht ausdrückt. Darauf wurde ich 2024 bei einem Besuch aufmerksam gemacht.
Fix und fertig
Nun mache ich Schluss mit dem Beitrag, der mich berührt und traurig macht, wenn ich an das Leben von Bonhoeffer denke. Zumal wir ja jetzt auch nicht in sonnigen Zeiten leben. Ich höre immer wieder sein Lied und vertraue, dass wir von guten Mächten umgeben sind.
PS
01.08. 2026 Gerade kam für mich ein neues Puzzleteil durch Arne Kopfermann hinzu über Bonhoeffers Text „Von der Dummheit“ dazu,
Bonhoeffer schrieb den Text 1943/44 im Gefängnis, während der nationalsozialistischen Diktatur. Er beobachtete, wie viele Menschen sich von Propaganda, Angst und Gruppendruck leiten ließen und dabei ihre Fähigkeit zum eigenen Denken verloren.
In diesem Kontext beschreibt er Dummheit als Gefährdung durch Verführbarkeit: Menschen werden dumm, wenn sie ihre Verantwortung abgeben und sich von Machtstrukturen steuern lassen. Deshalb ist Dummheit gefährlicher als Bosheit — sie lässt sich nicht durch Argumente erreichen.
Für Bonhoeffer entsteht Dummheit besonders in Zeiten politischer Manipulation. Überwinden lässt sie sich nur durch innere Freiheit, Mut zum Denken und die Bereitschaft, sich nicht von Ideologien vereinnahmen zu lassen.
Unfassbar aktuell.
07.08.2026 wir singen in der Kapelle der Versöhung das Lied.von guten Mächten Es lockt eine franzözische Touristin an. Sie erzäjhlt, dass sie es in ihrer Sprache kennt und schickt mir später der Link zu einer Aufnahme.
09.08.2026 Fotografierte ich zum 2. Mal die Gedenktafel an dem Haus, in dem er einmal wohnte. Erst da sah ich, dass er auch Wassermann war.
11.08.2026 bin ich das 1. Mal zum Trauercafe in der Kirche in Alt Pankow.
20.08.2026 finde ich heraus, dass der Raum in der Kirche Bonhoeffer Saal heißt.
21.08.2026 lerne ich eine norwegische hochsensible Frau kennen. Ich erzähle ihr von Bonhoeffer. Sie sagt, dass er für ihren deutschen Freund ein Held ist. Ihr gefällt meine Idee, seine Orte in Berlin zu besuchen.
22.08.2026 wird eine andere hochsensiblen Frau „zufällig“ auf den Podcast Feinstoff Woran glaubt Guido Maria Kretschmer? Von guten Mächten liebevoll getragen den sie mir weiterleitet.
28.08.2026 macht mich eine Niederländerin auf diese Version aufmerksam:
13.09.2026 Begegnung mit Werner Krätschell in Pankow. Er war dort mal Pfarrer (Jahrgang 1940). Er erzählt, dass er 1999 in der Westminster Abbey bei einer internationalen Bonhoeffer‑Gedenkfeier, eine Rede hielt, eingebettet in das Treffen der Nagelkreuzgemeinschaft. Die Veranstaltung stand im Zeichen von Versöhnung, Gewissen und der Verbindung zwischen Coventry und Berlin. Musikalisch begleitet wurde er von Bonhoeffers Patensohn. Er kannte auch Albrecht Schönherr.
Albrecht Schönherr gehörte 1935–1936 zu den ersten Vikaren im Predigerseminar Finkenwalde bei Dietrich Bonhoeffer. Das Seminar bei Stettin wurde im April 1935 eröffnet; Schönherr blieb über den regulären Kurs hinaus im Bruderhaus und wurde zu einem der wichtigsten Schüler und späteren Weggefährten Bonhoeffers.
In der DDR war Schönherr eine der prägenden kirchlichen Stimmen. Als Pfarrer, Dozent und später Bischof der Evangelischen Kirche Berlin‑Brandenburg trug er Bonhoeffers theologisches Erbe weiter und setzte klare Akzente für Gewissen, Friedensarbeit und eine eigenständige, dialogfähige Kirche im sozialistischen Staat. Seine Rolle war geprägt von geistlicher Klarheit, politischer Verantwortung und einer leisen, beständigen Kraft der Versöhnung.
Dietrich Bonhoeffer hat Albrecht Schönherr am 15. April 1936 getraut.
Die Trauung fand während Schönherrs Zeit im Predigerseminar Finkenwalde statt, also mitten in jener intensiven Phase geistlicher Gemeinschaft, die Bonhoeffer dort aufgebaut hatte. Für Schönherr blieb dieser Tag lebenslang bedeutsam — ein persönliches Zeichen der Nähe und Verbundenheit zu seinem Lehrer.
Ein Sohn – Oswald Schönherr war in meiner Heimat und Kindheit in Premnitz Pfarrer. Ihn habe ich in besonderer erinnerung, nicht nur, weil er 1980 beerdigt hat.







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